Aktuelles von [U25] Freiburg

Text des Monats Juli

Aufbruch

Plötzlich weiß ich,
dass es alte Tränen sind,
die nicht mehr mir gehören
und leg sie in den Wind.

Und plötzlich weiß ich,
dass ich längst frei bin,
dass das Leben jetzt ist
und nicht noch Jahre hin.
Ich kehre aus und lasse los,
öffne mein Herz
und träume groß.

Sonja Mahr

leise im Laut

Text des Monats Juni

Zerstoben sind die Wolkenmassen

Zerstoben sind die Wolkenmassen,
Die Morgensonn ins Fenster scheint:
Nun kann ich wieder mal nicht fassen,
Dass ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte,
Das Aug ist klar, der Sinn ist frei,
Und was nur je mein Herz entzückte,
Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh betroffen,
Geblendet schier von all dem Licht:
Das alte, liebe, böse Hoffen –
Die Seele lässt es einmal nicht.

Theodor Fontane (1819-1898)

Text des Monats Mai

Stummer Schatten III

Als ob ich selbst nur ein Schemen wäre
Redet der Schatten an mir vorbei
Die mühsamen Worte die ich entbehre
Scheinen mir sinnlos, nur Selbstquälerei

Dann nähert er sich, als würd er nicht sehn
Dass unsere Lichter schon vorgeeilt sind
Und ich und mein Schatten grad vor ihm stehn
Während die Heimreise endlich beginnt

Wir schreiten recht zügig die Straße voran
Zwei Schatten und später ein weiterer
Im höflichen Ton reden wir uns an
Und werden im Klang stetig heiterer

Dann lerne ich in mir ein Heute kennen
Als ob Gestern nie gewesen wär
Und als unsere Wege sich schließlich trennen
Sind wir längst keine Schatten mehr

Hanna Kim

Text des Monats April

Sterne

Zu wenig Zeit genommen
für die Betrachtung der Sterne.
Ich rede nicht von Teleskopen.
Ich spreche von einer Dachluke
in einer ganz gewöhnlichen
wolkenlosen Nacht.
Vom Heimweg zu später Stunde,
nur flüchtig aufschauend,
Den Schlüssel schon im Schloss.
Nicht was ich nicht weiß
reut mich.
Mich reut
der nachlässige Gebrauch
meiner Augen

Rainer Malkowski

Text des Monats März

How to Be an Artist

Lass Dich fallen.
Lerne Schnecken zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Fertige kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch Du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere Dich, „verantwortlich zu sein“ – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell Dir vor, Du könntest zaubern
Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.
Öffne Dich. Tauche ein. Sei frei. Schätze Dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

Susan Ariel Rainbow Kennedy (SARK) 

Text des Monats Februar

Jeden Tag

Jeden Tag laufe ich nach Hause,
nach der Arbeit ist das meine Pause.
Immer ist es ein bisschen dunkler
Die Welt ein Stückchen weniger bunter.
Alles sieht für mich immer gleich aus
bis ich bemerke: Ich will hier raus.

Montags denke ich, es sei gar nicht so schlimm,
dienstags bemerke ich, dass ich müde bin.
Mittwochs merke ich, ich kann nicht mehr,
donnerstags denke ich: Wochenende, komm her!
Freitags beginnt wieder die Einsamkeit,
ich kann mich nicht halten – es geht zu weit.
Der Abgrund wird immer deutlicher,
samstags und sonntags schaue ich genauer hinunter.

Jeden Tag laufe ich nach Hause,
nach der Arbeit ist das meine Pause.
Doch der Weg, er ändert sich,
ich sehe Lösungen, sie packen mich.

Montags laufe ich über die Brücke.
Was, wenn ich mich nicht mehr vorm Springen drücke?
Dienstags fährt um fünf der Zug,
ich könnte stehen bleiben – wäre das genug?
Mittwochs denke ich an meinen Badeschrank,
dort steht noch der Saft, den ich nie trank.
Donnerstags höre ich das Tosen vom Fluss,
es wirkt auf mich friedlich, fast wie ein Genuss.
Freitags übe ich Knoten mit dem Schal,
ich ertrag sie nicht weiter, die ganze Qual.

Samstag und Sonntag – ich bin so allein,
wer würde es merken, wenn ich nicht mehr wein’?
Es dreht und dreht sich alles im Kreise,
ich wünschte mein Kopf wär’ endlich mal leise.
Dann könnt ich schlafen, um mich auszuruhen
und müsste nie wieder irgendetwas tun.

Lilli
(entstanden während der Ehrenamtsausbildung)

Text des Monats Januar

Kennst du das auch

Kennst du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?

Hermann Hesse (1901)

Text des Monats Dezember

Wie ich dir begegnen möchte

Ich möchte Dich lieben, ohne Dich einzuengen
Dich wertschätzen, ohne Dich zu bewerten
Dich ernst nehmen, ohne Dich auf etwas festzulegen
zu Dir kommen, ohne mich Dir aufzudrängen
Dich einladen, ohne Forderungen an Dich zu stellen
Dir etwas schenken, ohne Erwartungen daran zu knüpfen
von Dir Abschied nehmen, ohne Wesentliches versäumt zu haben
Dir meine Gefühle mitteilen, ohne Dich für Sie verantwortlich zu machen
Dich informieren, ohne Dich zu belehren
Dir helfen, ohne Dich zu beleidigen
mich um Dich kümmern, ohne Dich verändern zu wollen
mich an Dir freuen, so wie Du bist.

Wenn ich von Dir das Gleiche bekommen kann,
dann können wir einander wirklich begegnen
und uns gegenseitig bereichern.

Virginia Satir

Text des Monats November

Ich lebe!

Ich nehme Abschied-
finde zurück.
Bin traurig-
Und genieß das Glück,
ersehne, träume, schwebe-
und lebe!

Ich stürme vor-
Und halte ein,
kann mutig-
und auch feige sein,
entscheide, handle, strebe-
und lebe!

Was auch geschieht,
ich geb nicht auf:
Ich renn hinab
Und keuch hinauf,
ich nehme und ich gebe,
Verdammt noch mal-
Ich lebe!

Gudrun Pausewang

Text des Monats Oktober

E-Mail an X

Sie ist 15 und nach außen geht’s ihr gut
Doch im Inneren schwindet jeden Tag der Mut
Denn der Druck wird zu viel – sie kann einfach nicht mehr
Sie hat lange gekämpft doch nun ist sie leer
Sie hat Stress in der Schule doch daheim ist das egal
Weil für die Eltern der Alltag wird zur Qual
Sie verstehn sich nicht mehr – haben nur noch Streit
Und für die Kinder bleibt dann einfach keine Zeit
Das hält sie nicht mehr aus – sie will nicht mehr sein
Aber sie zeigt das nicht – fängt nur heimlich an zu weinen
Sie will mit jemand reden – jemand der ihr zuhört
Jemand der ihr antwortet, den sie nicht stört
Dann findet sie im Internet den Treffer den sie braucht
Mit dieser E-Mail-Adresse ist wieder Hoffnung aufgetaucht
Und so setzt sie sich hin – tippt ihre Sorgen ein
Dann klickt sie auf „versenden“ – sie ist nicht mehr allein

Sie schreibt die E-Mail an X – E-Mail an Unbekannt
Sie schreibt ihre Sorgen und hofft sie wird anerkannt
Sie schreibt jemand Unbekannten Zeilen aus dem Herz
Diese E-Mail an X – voller Wut, voller Schmerz
Sie schreibt alles auf – wird dabei frei
Weil sie die Sorgen los wird – zumindest zum Teil
Und sie hofft dass man sich Zeit nimmt – nur einen Moment
Es wäre ein Beginn – es wäre das Fundament

Sie beginnt zu schreiben – mit jedem Wort kommt eine Träne
Ja sie hatte doch eigentlich ganz andere Pläne
Dann schreibt sie vom Alltag, vom Stress und dem Streit
Und dass sie es nicht mehr will – das Leben mit dem Leid
Sie will lieber fliegen – ein paar Sekunden Freiheit
Bevor sie dann vorbei ist – ihre Zeit
Sie hofft dass man das liest und es auch versteht
Damit endlich jemand merkt wie es ihr wirklich geht

Als die erste Antwort kommt ist’s für sie das pure Glück
Sie hat jemand der sie versteht – zumindest so ein Stück
Jemand der ihr zuhört, jemand der nicht geht
Jemand der ihr Wege zeigt damit der Wind sich dreht
Sie kann über alles schreiben – ihre Sorgen, ihre Wut
Sie vergisst dabei den Stress, das Schreiben tut ihr gut
Dann schaut sie stündlich in die Mails, hofft sie hat Post
Denn sie wird endlich gerettet, ja er taut dieser Frost

Und sie schreiben wochenlang – es geht immer hin und her
Bis sie die Gedanken verliert, sie träumt jetzt vom Meer
Mit jeder Antwort geht’s ihr besser – jedes Wort muntert auf
Weil es ihre Seele spiegelt – der Himmel hellt auf
Die Mails haben ihr einen Sinn gezeigt
Sie weiß jetzt warum leben und die Erde ist weit
Sie kennt nur den Namen doch sie ist einfach dankbar
Dass sie das Leben wieder liebt – einfach wunderbar

Songtext von Morzan – inspiriert durch [U25]